Wissenschaftliches Kaffeesatzlesen
„Tod durch Grippe“ oder Wie die influenzaassoziierte Exzess-Mortalität „berechnet“ wird
Seit Jahrtausenden ist bekannt: In der dunklen Jahreszeit, vor allem gegen Frühling, sterben mehr Menschen als im Sommerhalbjahr.
Klar ist auch: Die meisten Grippe-Erkrankungen auf der Nordhalbkugel finden während Ende des Winters statt (Ausnahme zum Beispiel die Schweinegrippen-Pandemie 2009), wie der FluSearch Index von multiMEDvision zeigt (Grippeaktivität).
Logische Folge: Die Anzahl der pro Monat verstorbenen Menschen muss also einen ähnlichen Verlauf nehmen wie die Zahl der an Grippe erkrankten Menschen. Dies zeigt der „Praxisindex“ der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) am bundeseigenen Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin. Hierzu melden ausgewählte Ärzte die Anzahl an akuten Atemwegsinfekten neu erkrankten Patienten nach Berlin (als Maß für Grippe/Influenza). Die Grippebelastung folgt ziemlich genau dem Jahresverlauf der Sterblichkeit.
Die von Ärzte und anderen Health Professionals unbeeinflusst gemessene Häufigkeit akuter Atemwegserkrankungen, der sogenannte FluSearch Index, zeigt auf ähnliche Weise den parallelen Verlauf von „Grippe-Häufigkeit“ und Sterblichkeit.
„Berechnung“ der Grippeassoziierten Übersterblichkeit
Wie erfasst man jetzt die Anzahl der grippebedingten Todesfälle, die sogenannte Übersterblichkeit durch Grippe (im Fachdeutsch: influenzaassoziierte Exzess-Mortalität genannt)? Hier folgt die Beschreibung eines Experten des Robert Koch-Instituts, dessen Arbeitsbereich genau dies ist: [1]
Wie man Grippe-Tote berechnet
„Wir nehmen uns die monatlichen Sterbefälle und tragen die auf über die vergangenen 20 Jahre. Da sehen wir, dass das einen sehr konstanten wellenförmigen Verlauf hat, das heißt im Sommer sterben deutlich weniger Menschen als im Winter. Das ist der beobachtete und zu erwartende Verlauf.
[...] Wenn jetzt eine Influenzawelle über Deutschland hinweg läuft, wie wir das momentan beobachten, dann wird die Zahl der tatsächlich auftretenden Todesfälle vermutlich über das zu Erwartende hinaus gehen und diese Differenz können wir berechnen und die wird dann der Influenza zugeschrieben.“ [1]
Also spitzen wir auch mal den Bleistift! In Deutschland sterben zwischen Anfang 2004 bis Mitte 2009 im Durchschnitt 69.300 Menschen pro Monat (das ist die gerade blaue Linie in der folgenden Grafik). Das ist normal.
Die Sterblichkeits-Spitzen über dieser Linie während der Grippe-Saisons ergeben nach obiger Anleitung die grippebedingte Übersterblichkeit. Ihre Mittelwert über vier Grippe-Saisons ergibt etwa 17.000 Tote pro Saison. Die Wissenschaftler des Robert Koch-Instituts korrigieren diesen Wert ein wenig nach unten – es sterben ja in der dunklen Jahreszeit auch ein paar Menschen an anderen winterbedingten Ursachen ... Und so kommen sie auf durchschnittlich bis zu 11.000 Menschen, die jährlich grippebedingt in der Grippesaison versterben [2], manchmal sind es aber auch bis zu 20.000. Diese Todesfälle sind – aus Sicht des RKIs – durch Schutzimpfungen wenigstens teilweise vermeidbar.
„Erwartungsgesteuerte Assoziation-Statistik“
Das „wissenschaftliche“ Verfahren für diese Berechnung wird „erwartungsgesteuerte Assoziation-Statistik“ genannt. Solche Assoziationen gibt es endlos viele: Weltweit berühmt ist die statistisch hochsignifikante Assoziation zwischen dem Geburtenrückgang zwischen 1970 und 1985 in Niedersachsen und dem gleichzeitigen Rückgang der Storchenpaare. In Berlin wurde kürzlich auch ein signifikanter statistischer Zusammenhang zwischen der erfreulichen Zunahme der Storchenpopulation in und um Berlin und der Zahl der ambulanten Entbindungen gezeigt [3].
Also nochmal: Eine statistische Assoziation ist keinerlei Beweis für einen ursächlichen Zusammenhang (Winter-Grippe ←→ Todesfälle; Storchen-Anzahl ←→ Geburtenrate).
Wichtig: Solche Konstruktionen entstehen nicht durch Dummheit! Nein, die Wissenschaftler sind sich des fehlenden Kausalbeweises durchaus bewusst. Solche Konstrukte entstehen mit voller Absicht. Meistens, weil sie bestimmten Interessen dienen, die sich hinter der Schein-Wissenschaftlichkeit verbergen. Im Falle des Konstruktes saisonale Grippe ←→ Influenza-Übersterblichkeit ist es das Marketing für die relativ wirkungslose Influenza-Schutzimpfung. Mit der Schein-Statistik wird Jahr für Jahr im Herbst Angst geschürt. Angst vor dem Sterben! Und dann wird verkauft, Jahr für Jahr wieder (besonderer Vorteil: Die Grippe-Schutzimpfung muss immer wiederholt werden).
Die Möglichkeiten, Sterblichkeit oder Grippe-Aktivität mit beliebigen anderen Faktoren zu korrelieren und dabei signifikante Assoziationen herauszuarbeiten, sind endlos. So bestehen Zusammenhänge dieser Art zum Beispiel mit der Sonnenflecken-Aktivität, dem Vitamin D-Gehalt des Blutes oder der durchschnittlichen Kfz-Geschwindigkeit. Viele der statistischen Zusammenhänge sind so interessant, dass es sich lohnt, sie zu untersuchen.
Die Logik einer Assoziation ist jedoch kein Beweis, dass ein ursächlicher, kausaler Zusammenhang in der Wirklichkeit überhaupt besteht. Er kann also, muß aber nicht existieren. Dies ist mit der „erwartungsgesteuerten Assoziations-Statistik“ eben nicht zu beweisen. Dies zeigt auch das abschließend genannte Beispiel, dass auf beeindruckende Weise einen „Zusammenhang“ zwischen Erdbodentemperaturen in 1 Meter Tiefe und der Grippe-Häufigkeit aufzeigt: Je kälter es in dieser Tiefe wird, um so mehr Menschen erkranken an Influenza [4].
Autor: Rainer H. Bubenzer, multi MED vision – Berliner Medizinredaktion, Februar 2010.
Anmerkung: Mein besonderer Dank gilt Anja Conradi-Freundschuh, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden, die geduldig Fragen beantwortete und die die, bei dieser Analyse verwendeten Sterblichkeits-Daten extrahierte.
Quellen- und Literatur-Hinweise
- Dr. Udo Buchholz, Zentrum für Infektionsepidemiologie, Robert-Koch-Institut, Berlin in dem Beitrag „Influenza – Wer zählt als Grippe-Toter?“ in „IQ – Wissenschaft und Forschung“, einer Sendung des bayerischen Rundfunks (Bayern 2, 17.11.2009, Zusammenfassung).
- RKI-Fachgebiet 36 (respiratorisch übertragbare Erkrankungen), Hessisches Landesprüfungs- und Untersuchungsamt im Gesundheitswesen: Zur Influenza-assoziierten Mortalität in Deutschland 1985-2006. Epidemiologisches Bulletin Influenza. 2007; 35:325-327 (Volltext).
- Höfer T, Przyrembel H, Verleger S: New evidence for the theory of the stork. Paediatr Perinat Epidemiol. 2004 Jan;18(1):88-92 (Abstract).
- Mauckner A, Soddemann W: Influenza: Primäre – initiale – Übertragung durch biotische Tröpfcheninfektion extrem unwahrscheinlich. Abiotische Übertragung durch Trinkwasser? umwelt – medizin – gesellschaft. 2007; 20(4): 302-5 (Kurzfassung).

